Warum die Süßwarenindustrie den Nutri-Score fürchtet

Der Nutri-Score - Ein Ampelsystem in der Lebensmittelindustrie, welches für mehr Transparenz über die Nahrhaftigkeit eines Produkts sorgen soll. In Deutschland leider noch kein Muss. Dabei könnte er so viel bewirken, wie unsere Studie gezeigt hat.

Nutriscore auf Süßwaren

Sind Sie sich stets über die Nährwerte Ihrer Mahlzeiten bewusst? Oder haben auch Sie Probleme, wenn es darum geht, ungesunde Lebensmittel zu erkennen? Viele Hersteller nutzen im Sinne des „Clean-Labelings“ bewusst Synonyme und sogenannte „E-Nummern“, um den Gehalt von Zucker und Zusatzstoffen zu verschleiern. Dadurch sind viele Konsumenten nicht in der Lage, ungesunde Produkte von gesunden Produkten zu unterscheiden.

Um für mehr Transparenz im Lebensmitteleinkauf zu sorgen, hat sich das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft nach vielen Jahren Diskussion und Lobbyarbeit nun für den Nutri-Score entschieden – eine Nährwertkennzeichnung im Ampel-Design, die z.B. in Frankreich längst alltäglich ist.

Übergewicht als Langzeit-Problem in Deutschland

Dass Übergewicht in Deutschland ein Problem darstellt, ist schon seit Jahren bekannt. Abgesehen von den zahlreichen persönlichen Konsequenzen, die sich beispielsweise in Form von Krankheiten, wie etwa Diabetes, ausdrücken, ist auch der Staat von den Auswirkungen betroffen. Laut Statista belaufen sich die direkten Kosten, verursacht durch Fettleibigkeit, auf 23,39 Milliarden Euro jährlich. Diese Ausgaben beinhalten unter anderem Krankengeld sowie Kosten für Rehabilitation und Pflege.

Um die jährlichen Ausgaben zu reduzieren, wurden bereits unzählige Maßnahmen getestet – allerdings ohne Erfolg. In einem Punkt scheinen sich jedoch viele einig zu sein: Es ist die Lebensmittelindustrie, die uns dick macht. Klein gedruckte und versteckte Zutatenlisten, Synonyme für Zucker, die nur die wenigsten kennen, unverständliche Nährwertangaben.

Dies bestätigte eine Umfrage mit über 1.200 Teilnehmern. 50 Prozent der Teilnehmer gaben an, die aktuelle Nährwerttabelle nur teilweise zu verstehen, weitere 22 Prozent halten sie für gar nicht nachvollziehbar. Unterm Strich ist vielen Menschen in Deutschland nicht bewusst, welche Inhaltsstoffe sie mit Nahrungsmitteln tagtäglich zu sich nehmen. Und genau dieses Problem soll der neue Nutri-Score aus der Welt schaffen.

Der Nutri-Score

Im Jahr 2017 hat das französische Gesundheitsministerium den Nutri-Score – in Zusammenarbeit mit der Food Standards Agency – auf den Markt gebracht. Seit 2019 haben deutsche Unternehmen ebenfalls die Möglichkeit, ihn auf die Vorderseite der verpackten Lebensmittel zu drucken. Wenn bisher auch nur auf freiwilliger Basis.

Das Ampel-System des Nutri-Score zeigt, dass dieses Produkt mit „A“ für eine ausgewogene Ernährung zu empfehlen ist.

Die Nährwertkennzeichnung zeigt eine Lebensmittel-Ampel und signalisiert so auf den ersten Blick, wie nahrhaft ein Produkt wirklich ist. Die vereinfachte Darstellung durch den Nutri-Score verlangt wenig Hintergrundwissen von den Konsumenten. Zeigt die Ampel „grün“, ist das Lebensmittel förderlich für eine ausgewogene Ernährung. „Rot“ hingegen weist den Kunden darauf hin, dass dieses Produkt im besten Fall nur in sehr kleinen Mengen zu sich genommen werden sollte.

Erste Erfolge durch Nutri-Score messbar

Nur drei Jahre nach dem Debut in Frankreich, sind dort erste Erfolge erkennbar. Eine Studie von BMC Research Notes hat ergeben, dass sich die tägliche Kalorienzufuhr der Konsumenten durchschnittlich um 7 bis 13 Prozent verringert hat. Insgesamt fällt es den Kunden dort leichter, ungesunde Lebensmittel zu erkennen und sich bewusster zu ernähren. Im Test hat kein anderes „Front-of-pack“ Label solche Erfolge erzielen können.

Kann ein solcher Fortschritt ebenfalls in Deutschland realisiert werden? Immerhin ist Deutschland das Land in Europa, in dem die größte Menge an Süßigkeiten konsumiert wird.

Mögliche Auswirkung des Nutri-Scores auf die Süßwarenindustrie

Der Nutri-Score würde bei Süßwaren tendenziell eher schlecht ausfallen.

Was bedeutet der Nutri-Score also für die Süßwarenindustrie? Zucker, Fett und dementsprechend hohe Kalorienzahlen sind meist der Grund für einen negativ ausfallenden Nutri-Score. Somit würden die meisten Produzenten von Süßwaren, aber auch von anderen Convenience-Produkten, einen solchen Nutri-Score erwarten. Demnach stellt sich die Frage, ob die Integration des Nutri-Scores die Verkaufszahlen der Unternehmen beeinflussen würde.

Insbesondere bei Süßwaren ist im Regelfall davon auszugehen, dass sich die Konsumenten der schlechten Nährwerte bewusst sind. Um genau das herauszufinden, haben wir selbst eine Studie mit 728 Teilnehmern durchgeführt.

Konsumenten glauben, ungesunde Lebensmittel auch ohne Nutri-Score zu erkennen

Um das Grundverständnis der Befragten auf die Probe zu stellen, wurden zunächst alle Teilnehmer grundsätzlich nach ihrer Ernährungsgestaltung befragt. Dabei gaben 9 Prozent der Befragten an, dass sie sich ausschließlich gesund ernähren. Weitere 56 Prozent beantworteten die Frage mit „meistens gesund“ und rund 30 Prozent behaupteten, dass sie stets das essen würden, worauf sie Lust hätten – unabhängig von den Nährwerten der Produkte.

Dennoch konsumieren laut Umfrage 86 Prozent regelmäßig Süßwaren und Fast Food, 16 Prozent davon täglich. Laut eigener Aussage befassen sich etwa 40 Prozent der Befragten selten bis gar nicht mit den Kalorienangaben der Lebensmittel, die sie kaufen. 35 Prozent machten dieselbe Aussage über den Zuckergehalt und 44 Prozent über den Fettgehalt. Lediglich 32 Prozent der befragten Teilnehmer würden die Angaben in der Nährwerttabelle bei einem Großteil ihrer Einkäufe nutzen.

Rund 71 Prozent sind davon überzeugt, ungesunde Lebensmittel schnell zu erkennen. Das würde dafürsprechen, dass sich die Konsumenten über die ungesunden Nährwerte bei dem Verzehr von Süßwaren bewusst sind.

Nutri-Score hat starken Einfluss auf die Kaufentscheidung der Konsumenten

Auszug aus unserer Studie von 2020

Entgegen unserer vorherigen Vermutung hat unsere Umfrage ergeben, dass 82 Prozent der Teilnehmer ein Produkt weniger oder gar nicht mehr kaufen würden, wenn es mit einem roten Nutri-Score gekennzeichnet wäre. Wie sich herausgestellt hat, ist vielen Deutschen klar, wie sie sich theoretisch gesund ernähren. Tatsächlich ist es jedoch so, dass es sehr häufig nicht in die Praxis umgesetzt wird.

Die Liste der Gründe ist lang. Professor Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums gibt dafür folgende Gründe an:

  1. Fehlende Transparenz in der Kennzeichnung der Lebensmittel
  2. Falsche Einschätzung über den Gesundheitsgrad der Produkte  
  3. Fehlende Zeit im Alltag verleitet zum Verzehr von Fertiggerichten
  4. Geschmack und Preis werden bei der Kaufentscheidung priorisiert

Kognitive Dissonanz erklärt Käuferverhalten ohne Nutri-Score

Neben den Erläuterungen von Professor Hauner sind die Folgen der kognitiven Dissonanz ausschlaggebend für das Verhalten der Konsumenten. Kognitive Dissonanz bedeutet, dass unvereinbare Kognitionen (Gedanken, Meinungen etc.) einen inneren Konflikt bei Personen auslösen (Dissonanz), der reduziert werden möchte (Dissonanzreduktion).

Übertragen auf die hiesige Studie bedeutet das, dass einigen Menschen durchaus bewusst ist, dass Süßigkeiten sehr ungesund sind, sie diese aber dennoch kaufen, wodurch ein innerer Konflikt entsteht (kognitive Dissonanz). Um diesem Konflikt entgegenzuwirken, versuchen diese Personen, für sich selbst nachvollziehbare Gründe zu finden, die den Kauf rechtfertigen. Als Beispiel wäre hier ein harter Arbeitstag genannt, der mit Süßwaren belohnt wird bzw. an dem die Süßwaren aus Frust gegessen werden.

In solchen Fällen ist den Konsumenten durchaus bewusst, dass die gewählten Süßwaren keine wirkliche Alternative zu einer gesunden Mahlzeit darstellen. Dennoch kaufen sie die Produkte. Mithilfe eines Nutri-Scores könnte jedoch Änderung des Verhaltens eintreten. Die Änderung des Verhaltens stellt eine Maßnahme dar, um eine Dissonanzreduktion auszulösen und so den inneren Konflikt zu beseitigen. In dem vorgenannten Beispiel würde dies bedeuten, dass der Kauf von Süßwaren reduziert oder sogar ganz eingestellt wird.

Süßwaren zeigen den Nutri-Score bisher nicht, da die Hersteller große Verkaufseinbrüche zu befürchten haben.

Angst vor sinkenden Verkaufszahlen durch Nutri-Score berechtigt

Werden die Ergebnisse unserer Studie betrachtet, ist deutlich zu erkennen, warum die Süßwarenindustrie den Nutri-Score bislang nicht eingeführt hat. Auch wenn der Nutri-Score bereits seit knapp einem Jahr für den deutschen Markt freigegeben ist, haben sich bisher ausschließlich Marken mit verhältnismäßig gesunden Produkten für die Kennzeichnung entschieden. Dazu zählen unter anderem Danone, Bonduelle und Iglo.

Aber auch die Eigenmarken von bekannten Discountern wie Lidl oder ALDI haben sich bereits für den Nutri-Score ausgesprochen und planen, diesen auf ihren Produkten zu integrieren. Im Süßwarenregal ist der Nutri-Score bis dato nicht zu finden, denn dies würde für einige deutsche Unternehmen bedeuten, dass sie im für sie schlimmsten Fall mit einer 82-prozentigen Reduzierung der Verkaufszahlen rechnen müssten.

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Über die Autorin

Laura Caron

Durch mein abgeschlossenes Studium in International Marketing habe ich mich für eine Karriere in diesem Bereich entschieden – ein Bereich, der sich stetig verändert und zahlreiche Fassetten zu bieten hat. Meine Erfahrungen und Erkenntnisse innerhalb verschiedenster Branchen lasse ich bei CARON & CARON einfließen.

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Sue Caron

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